Suche

EYES HALF SHUT - Ein Hosenscheißer traut sich auf's SLASH

Letzte Tage: Gut, dass ich ein Jahr zur Erholung hab

von Otto Römisch


Tag acht scheint mir ein guter Tag für ein Rape-and-Revenge Double Feature zu sein. Einer Französisch, der andere Kanadisch. Ein Zweitwerk (ist das überhaupt ein Wort?) und ein Debütfilm. Einer ein Meisterwerk, der andere nicht. Dass man über den einen vermutlich nicht mehr viel hören wird und der andere dagegen gezeigt, besprochen, gefeatured, diskutiert und im schlimmsten Fall sogar von Leuten gefeiert werden könnte, kann man wohl durchaus als eines der größeren, kleinen Dramen dieses Jahres erachten. Ewig schade, denn Bloody Oranges ist meine größte Festivalliebe und Violation ein Dramaclass-Workshop auf DCP. Zugegeben haben französische Filme oft bei mir einen Startvorteil. Ich mein, hört euch doch mal den Rhythmus dieser Sprache an, die mühelos, extreme Mimik, sowie die ‚plus grand que la vie‘ Körpersprache dieser Menschen und sagt mir, dass dieses Land nicht existiert, um seit über 120 Jahren, Perlen des bewegten Bilds rauszufeuern (gleiches gilt für Italien und Japan). Somit ist es zu gleichen Teilen Nullaussage, wie messerscharfe Beobachtung von der Anmoderation, vor dem Film zu sagen „Dieser Film ist so richtig französisch“. Ja eh. Möchte noch hinzufügen, mit Schmutz, Witz, Tanz und abgeschnittenen Hoden in der Mikrowelle, der Film des Jahres. Bisher.


Wenn ich hingegen auch nur mehr einen Indie sehen muss, der in einer Waldhütte spielt, weil die Eltern der Produzent*innen/Regisseur*innen ihrem über alle Maßen begnadetem Nachwuchs den Schlüssel zu ihrer Waldhütte mit den Worten „Ihr könnts gern den ganzen Herbst Kunst machen. Wir glauben an dich“ in die Hände gedrückt haben, fang ich auch an Füße abzusägen – meine eigenen, um ja keinen mehr ins Kino zu setzen. Ich find es ja generell super, wenn die Vergewaltigerschweine auf der Leinwand ihr Fett weg bekommen, no na. Und ich versteh ja, dass der Zugang für manche Filmemacher*innen der, des angestrengt Anstrengenden ist. Von wegen die Wahrheit muss manchmal richtig schmerzen oder Zusehen muss schmerzen oder der Schmerz muss schmerzen. Aber ein Film kann doch durch so viele Mechanismen, Entscheidungen und Kniffe schmerzhaft und dabei bereichernd und erleuchtend sein. Schlechtes Schauspiel sollte keines davon sein. Aber genug Blaufilter, um die innere Kälte zu zeigen und jede Menge ‚wer ist eigentlich die Beute‘-Tierzwischenshots, damit auch jede Menge studentische Minds geblowen werden, wird schon für den ein oder anderen Nod bei den Indie Spirit Awards, oder was auch immer das kanadische Pendant dazu ist, sorgen.


Der erste Film an Tag neun, Werewolves Within ist lustig, nett und wenn man das Kino von Ramis, Landis, Dante und blabla… Aber. Aber! Vor mir ist eine Frau mit einem ausgestopften Vogel gesessen. Nun bin ich weit davon entfernt als Vogelexperte durchgehen zu können und meine Gedanken drehen sich wirklich nur äußerst selten um Wellensittiche, Papageien, Geier oder Rotkehlchen. Aber bei einer Befragung, bei der es um Leben und Tod oder vielleicht Versicherungsbetrug ginge, würde ich zu Protokoll geben, dass ich vermute, es handelte sich bei dem Vogel auf dem Schoß der jungen Dame vor mir in Reihe 8 des Filmcasino am rechten Rand, um einen Taxidermie präparierten auf einem Ast sitzenden Fasan. Warum ich das Glaube? Der Schweif des Tiers war zwischen mir und der Leinwand präsent. Nochmal zum Verinnerlichen: Meine Sicht auf die Leinwand wurde beeinträchtigt durch den Körperteil eines ausgestopften Tieres, das eine Kinobesucherin mitgebracht hat. Endlich ist der Moment auf diesem Festival des Fantastischen gekommen, in dem ich mir denke „WHAT THE ORNITHOLOGICAL FUCK“. Wenn jemand an ihr vorbei musste, um aufs Klo zu gehen, hat sie ein Plastiksackerl rausgeholt, dieses ganz vorsichtig über die tote Kinobegleitung gestülpt, ist behutsam mit dem gefiederten Freund aufgestanden und hat sich rücksichtsvoll auf den Gang gestellt, bis die Person an ihr vorbei ist. Dann wieder hingesetzt, Plastik entfernt, in der Tasche neben ihr verstaut… „LADY!! Der Typ kommt gleich wieder! Wäre es nicht weniger Aufwand, stehen zu bleiben?!“ Hat leider niemand gesagt. Auch nicht beim zweiten, dritten oder siebten Mal als jemand vorbei an ihr aufs Klo musste. Ich glaub eine Person fand es einfach witzig, ihr die Prozedur anzutun und ist ohne zweckdienliches Ziel an ihr vorbei.


Plötzlich war der Film vorbei, die Vogeldame am Weg nach Hause und die Pizza, die das superste Festivalteam gratis und ohne besonderen Anlass verteilt hat, kalt. Und da war ich jetzt vor dem meistgefürchteten Moment des ganzen Festivals: die Nacht der 1000 Messer. Oder auch ‚die Nacht, in der ich draufgekommen bin, dass es 1000 unbequeme Sitzstellungen gibt, die sich wie Messer anfühlen, wenn man doch eigentlich nur mehr schlafen will, aber noch Filme schauen muss‘. Falls ihr es nicht wisst: die Nacht der 1000 Messer ist sowas wie die lange Nacht der Museen, nur überhaupt nicht so und ganz anders. Du kaufst dir ein Ticket für einen vier-Filme-Minimarathon der um 23:00 mit einem supergore Zombiefilm, der den Weltrekord im Kunstblutverschwenden brechen wollte, beginnt und um 6:30 des nächsten Tages mit einem Kipferl beim Ausgang, als Kompensation für all das freiwillige Leid, endet. Aber das Wichtigste an dieser Nacht für die Freaks unter den Freaks und warum ich mir das überhaupt angetan hab… es gibt eine Anstecknadel, wenn man am Schluss noch anwesend ist. Und diese liegt jetzt vor mir, in ihrer ganzen 2,1cm großen Pracht und erinnert mich den Rest meines Lebens daran, dass ich einem Taiwanesischen Zombie dabei zugesehen hab, wie er eine Augenhöhle penetriert. Brauch ich jetzt überhaupt noch irgendwelche Lebensziele? Sportlich gesehen hab ich wohl alles erreicht.


So schlepp ich mich vollkommen übermüdet noch einmal ins Filmcasino, für den letzten Tag dieses Festivals. Vorbei an der Flowercompany, die ich jetzt endlich einmal besuchen will, sobald ich mich nicht mehr wie ein Untoter zu den Untoten begebe. Über den Margaretenplatz. Zwei Tickets in meiner Seitentasche. Das erste für eine Nachmittagsvorstellung. Phil Tippett’s Opus Magnum Mad God wird gezeigt. Ein Stop-Motion Animationswerk, an dem er über 30 Jahre quasi alleine in einem kleinen Studio gearbeitet hat, um einen Albtraum zu verarbeiten. Und bist du deppert, seine Albträume möchte ich nicht haben. Ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich einen Großteil der 83 gezeigten Minuten genossen habe, aber mein lieber Herr Gesangsverein, wegen solcher Streifen darf sich das Medium ohne Diskussion die Anrede ‚Kunstform‘ aufs Namensschild schreiben. Es gibt bestimmt hunderte Filme, die ich lieber habe, öfter schaue oder eher für einen Sonntagnachmittag empfehlen würde, aber ähnlich wie bei den Filmen, die Walt Disney in seiner Werkstatt fabrizieren ließ oder das Studio Ghibli unter seinen beiden Masterminds Miyazaki und Takahata hervorgebracht hat, kommt man einfach nicht umher zu sagen: jupp, das ist dann wohl die höchste handwerkliche Kunst, die das Medium zu bieten hat. Keine Improvisation, keine Kompromisse, keine Fehler, reinste Magie. Ob man die Filme mag oder nicht, tut in dem Fall nichts zur Sache. Und so bin ich trotz Missfallen des Gesehenen, dankbar wieder einmal für diesen raren Moment, der bildhaften Perfektion und dem stürmischen Entfalten eines Genies, in einem Kinosaal zu sitzen.


Nachdem ich mich auch noch auf meinen Podcast vorbereiten muss, gestaltet sich meine Pause zwischen den beiden letzten Filmen, mit mehr Filmen zu Hause. Aber vielleicht ist Ang Lee’s Wedding Banquet ja genau das Richtige, um sich von den beinahe unzumutbaren Höllenbildern der Trickkunst zu erholen.


So sitze ich nun einigermaßen gedetoxt wieder im Kinosaal. Vor dem Abschlussfilm darf ich mich noch schnell freuen, dass der fantastisch quirkige Beyond The Infinite Two Minutes den Jurypreis erhält, nicke frenetisch zu den zusammenfassenden Worten des Festivaldirektors und bin wieder kurz vorm Einschlafen, als das Licht gedimmt wird. 10 Tage Slash und eine lange Nacht der Messer haben doch einiges von einem bald 40 jährigen Körper abverlangt. Gut, dass nicht noch einmal die verfilmte Barbie Werbung After Blue gezeigt wird, sondern das isländische Weird-Folk Märchen Lamb aus der Hipsterschmiede Numero uno A24. Zugegeben hat mich der Film mit zwei oder drei CGI Szenen fast verloren, aber jetzt, mit zwei Tagen Abstand, denke ich doch, dass ich eigentlich wenig an der wolligen Familientragödie auszusetzen hab. Ähnlich wie der Film, steh ich ja auch auf abrupte Enden. Daher fällt die Zusammenfassung der ganzen Erfahrung meines ersten Slash Festivals auch kurz aus… Vielleicht wurde ich nicht unbedingt zum Genre bekehrt oder hole jetzt sofort nach, was mir all die Jahre aus Angst verwehrt geblieben ist. Aber zumindest werde ich mich in den ein oder anderen Splatter, Slasher oder Basher eher trauen, wo ich nun weiß, dass ich in den meisten Sälen von Hosenscheißer*innen umgeben bin. Oder anders: Morgen brauch ich das nicht nochmal, aber ich freu mich schon auf nächstes Jahr.


Hier geht's zum Anfang der Beitragserie EYES HALF SHUT - Ein Hosenscheißer traut sich auf's SLASH.