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FROM BEYOND am SLASH Filmfestival

Aktualisiert: Sept 19

KÖRPERLICHE TRANSFORMATIONEN DURCH DAS JENSEITS.


von Julian Stockinger


© Images courtesy of Park Circus/MGM


Bereits ein Jahr nachdem der im März verstorbene Horror-Meister Stuart Gordon sein Langfilmdebüt „Re-Animator“ (1985) auf ein schauergieriges Nischenpublikum losließ, legte der Regisseur mit „From Beyond“ (1986) ein Schäuferl nach. Bekanntlich stellt der zweite Film – insbesondere, wenn der erste ein Erfolg war, was bei „Re-Animator“ der Fall ist – eine heikle Hürde dar. Diese hat Stuart Gordon mit Bravour gemeistert und sogar sein vielleicht bestes Werk abgeliefert.


„Something’s coming…“


Ein paar Regler, ein paar Knöpfe, ein Resonanzkörper und eine lila schillernde Kugel. Aus diesen und mehr Bestandteilen besteht die psychotronische Maschine - Resonator genannt - die durch die richtige Programmierung das Tor zu einer anderen Dimension öffnen soll. Zumindest für anwesende Individuen, deren Zirbeldrüsen, der Theorie nach, durch den Resonator zu wachsen beginnen und zu so etwas wie einem dritten Auge werden. Dem angehenden Wissenschaftler Crawford Tillinghast (Jeffrey Combs) und seinem Lehrer Dr. Edward Pretorious (Ted Sorel) sollte dieses Konstrukt zum Verhängnis werden, denn das Experiment gelingt. Es gelingt zu gut. Pretorious wird von der unheimlich starken Anziehungskraft des Jenseits verschluckt und sein kopfloser Körper in unserer Welt zurückgelassen. Der Student Crawford landet, nachdem er den Resonator stoppen konnte, in einer geschlossenen Anstalt für geistesabnorme Rechtsbrecher*innen. Man will ihm bezüglich der Wirkung des Resonators keinen Glauben schenken und beschuldigt ihn des Mordes an seinem Lehrer.


Have I not succeeded in breaking down the barrier; have I not shewn you worlds that no other living men have seen? (aus "From Beyond" von H.P. Lovecraft)


Bis zu diesem Punkt – und wir haben es gerade Mal zur Titelsequenz geschafft, die übrigens unterlegt ist von der großartigen creepy Musik von Richard Band – hält sich der Film zumindest vage an die literarische Vorlage. Denn wie Stuart Gordons Debüt „Re-Animator“ lehnt sich auch „From Beyond“ an eine Geschichte des großen weird fiction Autors H.P. Lovecraft an. Ob diesem die Interpretation seines Werks gefallen hätte, gilt allerdings zu bezweifeln, ist er doch mitunter bekannt für seine Fremden- und Frauenfeindlichkeit. Zumindest könnte man ihm ganz dem Zeitgeist entsprechend vorher eine Triggerwarnung bieten, denn sowohl Frauen als auch People of Color spielen in „From Beyond“ tragende Rollen.


Und so bekommt Crawford nach seiner Unterbringung – durch das Traumata und die Anstalt ist er nun tatsächlich zum mad scientist avanciert – Besuch von der bekannten psychiatrischen Ärztin Dr. Katherine McMichaels (Barbara Crampton), die behauptet Interesse an der Arbeit seines toten Lehrers zu haben. Zusammen mit dem Polizisten Buford „Bubba“ Brownlee (Ken Foree) machen sie sich auf, zum Ort, an dem alles seinen Anfang nahm.


© Images courtesy of Park Circus/MGM


Jeffrey Combs zum zweiten Mal als mad scientist in einem Film von Stuart Gordon.


Die Figur des mad scientist hat im Horrorfilm spätestens seit James Whales „Frankenstein“ (1931) Tradition und eine besondere Hochblüte erlebte sie in den amerikanischen B-Movies der 50er und 60er Jahre. Dennoch wurde sie selten liebevoller dargestellt als in Stuart Gordons ersten zwei Streifen, in denen sie jeweils vom großartigen Jeffrey Combs verkörpert wurde. Es ist wohl diese einzigartige Symbiose aus der film- und literaturhistorischen Figur an sich und den schrulligen, getriebenen und auch ein bisschen unbeholfenen Charakteren, wie sie beinahe nur das Kino der 80er Jahre hervorgebracht hat. Jeffrey Combs macht in Sachen Kultpotential dem ebenfalls durch ein Horror-Spielfilmdebüt bekannt gewordenen Bruce Campbell jedenfalls Konkurrenz und in „From Beyond“ läuft er vor allem im letzten Drittel zur absoluten Höchstform auf. Im Unterschied zu „Re-Animator“ ist der Wissenschaftler aber nicht der wahnhaften Überzeugung verfallen, seine Erfindungen und Überlegungen immer weiter voran zu treiben. Hier hat er leibhaftig miterlebt, wozu der Resonator im Stande ist, wurde von dieser Erfahrung hochgradig traumatisiert und verängstigt. Die treibende Kraft hinter dem weiteren Verlauf der Geschichte, ist vielmehr die psychiatrische Ärztin, die natürlich nicht weiß, was für einen grausigen Schaden sie damit anrichten wird.


Doch die B-Movie-Romantik ist nicht nur in Bezug auf die Figur des getriebenen Wissenschaftlers zu erkennen. Stuart Gordons Filme atmen diesen Geist stilistisch wie produktionstechnisch. „From Beyond“ hat er zum Beispiel aus Budgetgründen nicht in den USA, sondern in Studios in Rom gedreht und ganz nach Vorbild Roger Corman hat er die Kulissen gleich für seinen nächsten Film „Dolls“ (1987) verwendet, den er zeitgleich gedreht hat. Auch das Team betreffend mag es Gordon nicht unbedingt abwechslungsreich, immerhin hat sich die Zusammenarbeit mit Dennis Paoli (Drehbuch), Brian Yuzna (Produzent), Charles Band (Produzent), Mac Ahlberg (Kamera) und Richard Band (Filmkomponist) bewährt. Seiner Frau Carolyn Purdy-Gordon verschafft er übrigens auch meistens eine Rolle, die er – in „From Beyond“ besonders eklig – gerne das Zeitliche segnen lässt. Apropos eklig…


Science, Sex & Körperhorror.


„From Beyond“ legt in Sachen Sex, Schleim und Bodyhorror noch ein ordentliches Schäuferl nach, wobei auch „Re-Animator“ mit schönen Gore-Szenen nicht gerade geizte. Doch Gordons zweiter Streifen versteht sich als waschechter Vertreter einer Horror-Gattung, die David Cronenberg mit „Shivers“ (1975) so meisterlich etablierte. Die grandiosen analogen Masken sind glitschig, die umherfliegenden Boten des Bösen eindeutige Phallussymbole, wie auch die Zirbeldrüse, die mit voranschreitender Stunde ihr Eigenleben immer mehr zu genießen scheint. Die menschlichen und nicht menschlichen Körper in diesem Film verschmelzen und erweitern sich, zerreißen aber ebenso gerne. Die Bilder, die besonders im letzten Drittel geboten werden, brennen sich in die mentalen Festplatten von Genrefans für immer und ewig ein – es geht gar nicht anders.


© Images courtesy of Park Circus/MGM


Interesse geweckt? Am 19. September 2020 um 23:00 Uhr habt ihr die Möglichkeit diesen absoluten Klassiker des fantastischen Films am SLASH Filmfestival im Metro Kinokulturhaus zu sehen, wo er im Rahmen einer Kooperation mit den Til Midnight Movies gezeigt wird.


Und solltest du Interesse daran haben, was Stuart Gordon in seiner Filmkarriere sonst noch so vollbracht hat, kannst du das in diesem Nachruf an den am 24. März 2020 verstorbenen Regisseur nachlesen.