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GLÜHWÜRMCHEN IM ALPENGLÜHEN

Aktualisiert: vor 5 Tagen

ZU DARIO ARGENTOS 80. GEBURTSTAG: EIN RÜCKBLICK AUF SEIN LIEBLINGSWERK „PHENOMENA“


von Daniel Krunz


Jennifer Connelly in "Phenomena"


Tanti auguri, Dario! Die lebende Legende des (italienischen) Horrorfilms feierte vergangene Woche ihren achtzigsten Geburtstag und da jetzt sowieso alle anderen über „Suspiria“ oder „Profondo Rosso“ (1975) schreiben und wir mit Vorlieb Außenseiterpositionen beziehen, möchten wir statt einem der rings geschätzten Kultfilme des Auteurs, eine seiner ungleich kontroversen Arbeiten behandeln, die laut eigenen Angaben aber zugleich sein persönlichstes und liebstes Werk darstellt. In so manch Augen jedoch beginnt mit „Phenomena“ (1985) der qualitative Abbau in Argentos Schaffen. Wir wagen es, höflich doch bestimmt zu widersprechen und möchten den liebenswerten Sonderling, der mit diesem Jahr auch schon stolze 35 Lenze zählt, im Folgenden auf dem virtuellen Seziertisch zerlegen.

Am Anfang war ein Mord


Es war einmal ein Mädchen, gestrandet irgendwo in der Wildnis der Schweizer Alpen. Ihren Touristenbus hat sie um einen Augenblick verpasst und steht nun einsam im Herbstwind, der über die gottverlassene Landschaft fegt. Fröstelnd und verzweifelt sucht sie Hilfe im einzigen Haus, das weit und breit zu finden ist. Was dem Publikum schon schwant, ahnt das arme Mädchen aber noch nicht, nämlich dass mit dem kassandrischen Gitarrenriff, welches freilich nur ersteres hört, ihr letztes Stündlein eingeläutet wird.


Eine vertraute Situation für Horrorfans, doch Dario Argento zaubert sie nach seinem ganz eigenen Geheimrezept auf die Leinwand, dass sich von generischer Genrekost denkbar weit, in buchstäblich luftige Höhen abhebt. Die Krankamera umschweift von einer gespenstischen Brise beseelte Baumkronen, auf denen der Titel „Phenomena“ erscheint. Selten wurde die Ambivalenz der sonst so hoffnungslos verkitschten Alpenlandschaft so eindrucksvoll festgehalten.


Die beschriebene Eröffnungssequenz lässt selbst scharfe Kritiker des Films nicht kalt und wer auch sonst kein gutes Haar an diesem lassen mag, muss doch gestehen, dass dieser Prolog isoliert betrachtet, ein kleines Meisterstück im Handwerk des stimmungsvollen Horrors darstellt. Neben den gängigen Markenzeichen, wie berstendes Glas, trägt dieses temporeiche Intro auch im handverlesenen Personenstab die deutliche Signatur des Auteurs. Besagtes Mädchen ist niemand geringere als Argentos Tochter Fiore und die Seiten des unter Hochspannung stehenden Klangkörpers zupft kein geringerer als Bill Wyman, seines Zeichens (Ex-) Bassist der Rolling Stones.


Argentos Romantik-Tick


Rote Rosen, Kerzenschein – der Begriff „Romantik“ ist heutzutage schon eher negativ behaftet. Zugegeben, je nach Blickwinkel war er das schon immer, doch hat er in der kollektiven Wahrnehmung eine deutliche Bedeutungsverengung erfahren, die ihn eben auf derartige Attribute reduziert.


Seit jeher, ganz besonders aber in ihrer Blütephase ist die Strömung ein umstrittenes Sujet, dass mit Anschuldigungen von Naivität, Nationalismus und Vergangenheitsverklärung befeuert wird. Unbestritten sind aber die Meilensteine, die diese durchaus heterogene Bewegung in diversen künstlerischen Disziplinen wie Literatur, Musik oder Malerei hervorbrachte. In der Epoche tummeln sich dicht gedrängt Scharen großer Namen, die besonders in der Unterströmung der „schwarzen Romantik“ dem heutigen Verständnis der Gattung Horror unverzichtbare Impulse lieferten. Das Interesse an den Schattenseiten von Mensch und Natur, die Beschäftigung mit Tod und Wahn, sowie die Faszination mit dem Bösen sind die memorabelsten Wesenszüge populärer Klassiker aus den Federn von E.T.A. Hoffmann oder der Gebrüder Grimm.


Letztere sind unter den deutschen Romantikern wohl jene mit dem weitreichendsten Einfluss und waren bestimmt auch in Dario Argentos Kinderzimmer präsent, doch spätestens als junger Filmemacher hat er sich von den „Haus- und Kindermärchen“ beflügeln lassen. Bereits für sein Opus Magnum „Suspiria“ (1977) diente „Schneewittchen“, respektive dessen Disney-Verfilmung als Inspiration für die einzigartige Farbgebung und auch in Handlung und Figurenzeichnung des modernen Hexenmärchens sind Parallelen zu den Grimms nicht von der Hand zu weisen. In „Phenomena“ werden die Bezüge nun deutlicher und zahlreicher; erneut verquickt Argento den Giallo-typischen Protagonisten, der in der Fremde Zeuge eines Verbrechens wird, mit dem Märchenmotiv des Mädchens im Wald und platziert seine vornehmlich in weiße Kleider gehüllte Heldin in ein Internat in den Schweizer Bergen. Statt eines Königs ist ihr Vater ein berühmter Filmstar und auch Jennifer, so der Name des verhängnisvoll schönen Mädchens, freundet sich mit einem kauzigen Einsiedler an. Dieser ist zwar nicht siebenfach vertreten, der Entomologe haust aber mit einer Heerschar kleiner Wesen, zu denen Jennifer eine magische Bindung hat. Die begnadete junge Frau besitzt nämlich die außergewöhnliche Gabe, telepathisch mit Insekten kommunizieren zu können und so werden Glühwürmchen und Schmeißfliegen zu ihren Komplizen auf der Suche nach dem Mörder, womit wiederum der gängige Märchentopos von sprechenden Tieren und übernatürlichen Helfern anklingt.


Donald Pleasence und Jennifer Connelly in "Phenomena"


Anleihen Grimm’scher Märchen sind aber nur die offensichtliche Spitze eines stolzen Eisbergs, der unter der Oberfläche noch eine Vielzahl intertextueller Referenzen an die Romantik bereithält. Die Strömung blühte bekannterweise nicht nur in Deutschland und entfaltete im angloamerikanischen Raum ihre ganz eigene Spielart, die Gothic Fiction, deren Geist bis heute lebhaft durch Film und Literatur spukt. Einem ihrer Hauptvertreter huldigt Argento bereits bei Benennung seiner Protagonistin, denn im Namen „Jennifer Corvino“ versteckt sich ein weiteres Tier, das praktisch synonym mit einem Dichter der Schauerromantik ist. Corvino, zu Deutsch „Rabe“ beschwört natürlich Edgar Allan Poes ikonische Ballade und auch ein spezifischer Kniff in der Story erinnert an eine Erzählung des Großmeisters, die aus Spoilergefahr ungenannt bleiben möchte.


Und wenn wir schon in der englischsprachigen Welt verweilen, kommen wir nicht umhin, einen Querverweis zu Bram Stoker festzustellen, der zwar zeitlich nicht in das deutsche Verständnis fraglicher literarischer Epoche fällt, mit seinem Weltroman „Dracula“ aber sehr wohl eine Schlüsselfigur des Gothic Horrors darstellt. „Das Transsylvanien der Schweiz“ wird die schaurig-schöne Gegend genannt, in der die unglückselige Jennifer landet und wie in den Karpaten, geht auch in den Alpen ein Ungeheuer um, das es auf die Leben unschuldiger Jungfern abgesehen hat. Ein weiterer, jedoch umwegigerer Bezug zu Dracula ist aber auch im Cast, namentlich mit der Besetzung von Donald Pleasence in der Rolle des Professor McGregor festzumachen. Die Figur des in Metaphysik bewanderten Wissenschaftlers, der ein mörderisches Ungeheuer jagt, hatte Stoker mit Dr.Van Helsing nachdrücklich definiert, bis John Carpenter sie in „Halloween“ (1978) mit zuvor genanntem Charaktermimen in die Gegenwart versetzte.


Wie Stoker mit Worten, zeichnet Argento mit der Kamera das trügerische Naturidyll und wen die stimmungsvollen Rahmungen eines wolkenumschwärmten Vollmonds nicht genug an Caspar David Friedrich erinnern, dem räumt er auch den letzten Zweifel aus dem Weg und hängt prompt dessen Gemälde „Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung“ über Jennifers Bett.


Nach Literatur und Malerei fehlt da nur noch die Musik im Reigen der eingangs genannten Kunstformen und auch auf diese bleibt der historische Fingerzeig nicht ausgespart. Der Hauptort der Handlung, ein geschichtsträchtiges Mädcheninternat, wird nämlich als einstige Wohnstätte von Richard Wagner identifiziert, der als glühender Verfechter der „Gesamtkunstwerk“ Idee und Verwerter mittelalterlicher Mythen als Grundfeste der Musik der romantischen Epoche gilt.


Iron Maiden, Armani und Connelly


Stichwort Wagner: „Richard Wagner wäre heute ein Metalhead“, so oder so ähnlich lauten Spekulationen zum potentiellen Musikgeschmack des Komponisten, wäre er heute am Leben und der Vergleich macht durchaus Sinn, den ein sachverständiger Musikexperte an dieser Stelle weit besser erläutern könnte. Da macht es doch vermeintlich ebenso viel Sinn, wenn Argento die Brücke schlägt und Spannungsszenen mit Tracks von Iron Maiden oder Motörhead untermalt. Diese Meinung teilen aber bei weitem nicht alle und der Einsatz fraglicher Musik markiert einen Hauptpunkt, an dem sich die Geister über „Phenomena“ scheiden. Selbige Praxis wiederholt der bekennende Metal-Fan Argento zwei Jahre später in „Opera“ (1987) und während diese rein objektiv betrachtet in letzterem Werk rein umgebungstechnisch noch deplatzierter wirkt, so scheint es doch, als stießen sich die Kritiker bei „Phenomena“ weit stärker an ihr.


Während dieser Schritt nun zugegebenermaßen ein recht ungewöhnlicher ist und Geschmäcker verschieden sind, gilt es umso mehr zu hinterfragen, warum denn genau sich ein Teil des Publikums so an besagter Vertonung stört. Schlicht weil es unüblich ist? Sind die kreischenden E-Gitarren und hämmernden Basslines der New Wave of British Heavy Metal nicht sogar eine adäquate Manifestierung des erhöhten Herzschlags und der nahenden Schritte in einem paranoiden Angstgefühl? Diese halb rhetorische, halb suggestive Frage soll in der Hoffnung auf Denkanstöße erst einmal so stehen bleiben.


Doch um gleichzeitig noch einmal auf die bereits erschöpfend zitierte Romantik zurückzukommen, soll nun nach den bisher vornehmlich genannten inhaltlichen Wesenszügen, auch auf einen wichtigen formellen Aspekt der Strömung verwiesen werden: den Mut, ja das Bekenntnis zur Unvollkommenheit und der Verschmelzung von bisher streng voneinander getrennten Kunstformen. Dario tut es den Romantikern gleich und macht was er will, eben auch bei Auswahl der Musik. Diese Machtposition hat er sich aber auch erarbeitet, nachdem drei Kooperationen mit Großmeister Ennio Morricone, der sich bekannter-, doch auch verständlicherweise in Nichts dreinreden ließ, ohne Mitsprachrecht verliefen und letztlich zu einem sehr langwierig heilenden Bruch führten. Seit der ersten von zahlreichen Zusammenarbeiten mit der Prog-Rock Band Goblin in „Vier Fliegen auf grauem Samt“ (1971) hingegen, hatte Argento ungleich höheren Einfluss auf die Vertonung seiner Werke und schaffte das, was er für besagten Film eigentlich im Sinn gehabt hatte, mit „Phenoma“ zu verwirklichen: ein Jointventure mit den Stones, zumindest einem Teil davon.


Weil aber der Charakter von „Phenomena“ mit seinen Darsteller*innen steht und fällt, wird es nunmehr höchste Zeit, nach dem zuvor erwähnten Donald Pleasence, der als damals bereits vertrautes Gesicht des Fantastischen Films, seine typegecastete Rolle gewohnt überzeugend verkörpert und selbst zugegeben eigenwillige Dialogzeilen souverän abliefert, die eigentliche Starpower des Films anzusprechen, nämlich die spätere Oscarpreisträgerin Jennifer Connelly. Connelly erlebte gerade den rasenden Start ihrer Karriere, nachdem sie eine andere italienische Regiegröße, namentlich Sergio Leone, der das damalige Kindermodell für den Film entdeckte, in seinem Mafiaepos „Once Upon a Time in America“ (1984) besetzte und damit zum aufsteigenden Kometen am Starhimmel machte.


Der durchschlagende Erfolg der aparten Persönlichkeit überraschte wohl auch Argento, nachdem er das Jungtalent gecastet hatte. Die Ähnlichkeit zwischen „Jennifer Connelly“ und ihrem Rollennamen „Jennifer Corvino“ ist wohl nicht dem Zufall geschuldet, sondern ein bewusst gesetzter Schritt, die Person Connelly zu inszenieren. Ein Blick auf zeitgenössisches Pressematerial bestätigt aber endgültig die logische Annahme und enthüllt zudem, dass diese Avatarisierung erst im Laufe der Produktion geschah. In besagten Dokumenten steht Connellys Besetzung zwar schon fest, ihre Rolle trägt in jener Frühphase jedoch noch den Namen „Martha“.


Zeitgenössische Presseaussendung zu "Phenomena". Quelle: New Vision


Argento erkennt ganz offenbar die Tragkraft der jungen Darstellerin, wirft ihr, wie sein Kollege zuvor, weiße Gewänder über, die diesmal dem Reißbrett von Giorgio Armani entspringen und stilisiert sie im Strom der Windmaschine zum zauberhaften Unschuldsengel. Connellys Spiel darf dabei auf keinen Fall kleingeredet werden, zumal der ambitionierten Aufsteigerin, die zum Drehzeitpunkt erst vierzehn Jahre alt war, so einiges abverlangt wird. Sie selbst äußerte sich im Laufe ihrer späteren Karriere erstaunlich selten zu dieser Station auf ihrem Erfolgsweg, man kann ihr aber getrost Glauben schenken, wenn sie meint, es wäre eine durchaus seltsame Erfahrung gewesen. Wenn auch sonst nichts, so hat das Hollywood Superhirn zumindest so viel von dieser Produktion mitgenommen, als dass sie in den drei Monaten, die jene dauerte, fließend italienisch lernte, doch auch die Tatsache, dass sie ein weiteres Jahr später wieder in einem weißen Kleid durch ein Märchen namens „Labyrinth“ irren durfte, kommt vielleicht nicht ganz von ungefähr.


Ein modern(d)es Märchen


Bei all den liebevollen Verweisen auf die Vergangenheit ist „Phenomena“ aber auch ganz klar ein Kind seiner Zeit. 1985 ist Argento endgültig in den 80ern angekommen und bemüht sich nun noch mehr als bei „Tenebre“ (1982) darum, auf dem Vibe des unterkühlten Tons der Dekade nicht nur im Setdesign mitzuschwingen, sondern seine Bilder auch durch den technischen Prozess des Color Gradings zu schleifen, um speziell die Blau-, Weiß- und Grünstufen ins rechte Licht zu rücken. Das Ergebnis ist ein waschechter, ausgewaschener 80s Look und gar nicht schwache Anzeichen von Videoclip-Ästhetik sind da nicht zu verleugnen, ganz besonders bei Jennifers nächtlicher Glühwürmchen-Verfolgung zu einer Synthesizer-Arie aus dem Hause Goblin.


Es ist aber keine bloße Anbiederung an Trends, die Argento hier vollzieht, denn die charakteristische Innovationsneugier des Regisseurs ist zu diesem Zeitpunkt lebendig wie eh und je. Zwar löst er mit „Phenomena“ in kultureller Hinsicht nicht dieselbe Kinorevolution aus, wie fünfzehn Jahre zuvor mit „The Bird with The Crystal Plumage“ (1970), auf dem technischen Aspekt sind betreffende Leistungen aber getrost als revolutionär zu bezeichnen. Die fantastische Vision von Fliegen, die einen Mordfall lösen, entspringt eigentlich dem ganz profanen Fakt, dass in der Forensik die Bestimmung von Fliegenlarven nützliche Hinweise liefert. Die Umsetzung der Geschichte, die darum gesponnen wurde, ist aber wieder fantastisch. Argento und sein Team, hier ganz besonders sein langjähriger Kollaborateur und enger Freund Luigi Cozzi ziehen alle Register, um den absurden Szenarien eine visuelle Glaubhaftigkeit zu verleihen. Der ikonische Shot, in dem eine Heerschar von Fliegen das Schulgebäude umhüllt, ist ein wahrer Schatz analoger Tricktechnik und wurde ganz einfach mit Mahlkaffee, der in einen Wassertank geschüttet wurde und anschließender Doppelbelichtung realisiert. Trotz oder gerade wegen dieser Schlichtheit ist der Effekt weit würdiger gealtert, als eine ähnliche Unternehmung in Argentos „Dracula 3D“ (2012), über die lieber der Mantel des Schweigens gehüllt werden soll.


Das umschwärmte Mädcheninternat in "Phenomena"


Neben den künstlichen, kamen aber auch ganz echte Insekten zum Einsatz, und das nicht zu gering. Sage und schreibe zwei Millionen Fliegeneier wurden von der Crew für das große Finale ausgebrütet und nicht nur auf die Kamera losgelassen. Noch schwieriger aber, als die Inszenierung dieser Massenszene erwies es sich aber, eine Schlüsselszene mit einem einzelnen Zweiflügler zu Stande zu bringen, wofür man aber wieder eine ganz profane Lösung fand. Wir durften im Rahmen des SLASH Filmfestivals in den vergangenen Jahren sowohl Argento als auch Cozzi treffen und während wir bei der Begegnung mit ersterem vor Ehrfurcht kein Wort herausbrachten, fassten wir gegenüber letzterem dann doch genügend Mut um ihn auf betreffende Szene anzusprechen. Der überaus umgängliche Cozzi antwortete nicht uncharmant, doch nonchalant auf die Frage, wie es gelang, den tierischen Darsteller zu just dem gewünschten Punkt vor die Linse zu lotsen. „We placed something there, that the fly likes: shit!“, lautete die einleuchtende Antwort.


Dank des naturbelassenen Lockstoffs im Zusammenspiel mit einer technischen Innovation, namentlich einem Makroobjektiv, kann sich das Ergebnis im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Wahrscheinlich sehr selten zuvor füllte allein der Kopf einer kleinen Stubenfliege die ganze Leinwand aus, so dass die mikroskopischen Details auf ihrem Facettenauge für das Publikum sichtbar werden. Wieder einmal zeigt Argento vollen Ehrgeiz, die ihm zur Verfügung stehenden technischen Mittel zur Gänze auszureizen und pure Kinomagie zu schaffen.


Es wäre aber falsch, „Phenomena“ nun allein als einen mechanischen Erfolg zu charakterisieren, denn besagter Ehrgeiz entspringt vollends der Tatsache, das Argento hier ein wahres Herzensprojekt realisiert. Er setzt seinen Kopf durch und es wirkt, als hätte er schon länger auf ebendieses Projekt gewartet und darauf hingearbeitet. Die zuvor genannten Märchenbezüge setzt er nun ebenso zielstrebig durch, wie ein weiteres Vorhaben, das er für „Suspiria“ angedacht hätte, und zwar einen Cast blutjunger Mädchen, welches ihm damals sein Vater, der als Produzent fungierte, höchstpersönlich ausgeredet hatte. Es ist ebendiese Eigensinnigkeit, die letztlich das Publikum spaltet, doch alle noch so nachvollziehbaren Kritikpunkte müssen trotzdem in ihrem Kontext betrachtet werden. Argento erzählt eben immer noch ein Schauermärchen, inklusive der gattungstypischen Wesenszüge Naivität und realitätsfernem Kitsch. Zugleich aber kontrastiert er die zuckersüße Note mit bitterer Brutalität, die, wenn man sich einmal die Urfassung der Grimm’schen Märchen zu Gemüte führt, durchaus konform mit der Traditionslinie ist. In seinem Erzählfluss lässt sich der zu dieser Zeit bereits strenge Formalist sogar dazu hinreißen, über die Stränge seiner strikt konstruierten Bildsprache zu schlagen und Neues auszuprobieren, womit er seinem Prestigeprojekt ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal in seiner Filmografie verleiht.


Unbekannte*r Darsteller*in in "Phenomena"


Mit all diesen Versatzstücken ist „Phenomena“ ganz klar ein unweigerliches Hochglanz-Horror Produkt, dem der künstlerische Anspruch angesichts der dann doch sehr individuellen Persönlichkeit nicht abgesprochen werden sollte. Wer es wagt, unter diese glänzende Oberfläche zu blicken, entdeckt dabei tiefergreifende Ansätze, denn genau wie die Märchen unserer Kindertage kommuniziert dieser Film parabelhaft psychologische Grundwahrheiten. Der Deutung dieser versteckten Freud’schen Muster haben sich andere an anderer Stelle erschöpfend gewidmet und wir überlassen diese faszinierende Interpretationsarbeit lieber den Profis. Uns bleibt nur, unser Entzücken über die unmittelbare Erfahrung, die „Phenomena“ beschert, zum Ausdruck zu bringen und zu gestehen, von Argento verzaubert worden zu sein, womit ihm wohl sein Vorhaben geglückt sein dürfte.