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MOVIE, MOVIE, MOVIE!

WAKALIWOOD GOES WIEN: „CRAZY WORLD“ EROBERT DAS SLASH FILMFESTIVAL


von Daniel Krunz

© SLASH Filmfestival


Einen Film erklären, geschweige denn rechtfertigen zu wollen, macht ja grundsätzlich wenig Sinn. Bei einem Output aus dem Hause Wakaliwood sieht man sich aber versucht, einen nötigen Kontext zu liefern, zumindest jenen, die tatsächlich noch nicht von dem „Home of da best of da best movies“ gehört haben sollten. Allhier nämlich, im Schatten einer Metropole, namentlich Wakaliga, einem Slum der ugandischen Hauptstadt Kampala, blüht emsig eine mittlerweile weltberühmte Filmschmiede, getragen von den engagierten Einwohner*innen und einigen treuen Verbündeten aus der Außenwelt.


Once upon a time… in Uganda


Zuallererst ist es aber der Name Isaac Nabwana, der untrennbar mit diesem magischen Ort verbunden ist. Seine Geschichte ist eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Film, die von der sozialen Wirkmacht des Mediums erzählt und die Begriffe „Self made man“, sowie „DIY“ ganz neu definiert. Nabwana, Jahrgang 1973 und somit ein Kind der 80er, wuchs in Wakaliga auf, wo nicht gerade ein Überangebot an Freizeitbeschäftigungen für Buben seines Alters herrschte. Seine älteren Brüder vertrieben sich die Nachmittage gern bei öffentlichen Vorführungen der neuesten Videofilme aus den USA, zu denen sie den armen Isaac aber nicht mitnahmen, welcher folglich immer nur aus zweiter Hand über die Abenteuer von Arnie und Chuck Norris erfuhr, sich dabei aber ein ganz eigenes Bild über diese spannenden Welten ausmalte. Als Isaac schließlich im Alter von achtzehn Jahren zum ersten Mal einen Film sah, wurde dieser den hohen Erwartungen nicht ganz gerecht. Irgendwie hatte er sich das alles noch spektakulärer und rasanter vorgestellt. Der Traum, die Art Filme, die er gerne sehen würde, selbst zu machen, war geboren, sollte sich aber erst gute fünfzehn Jahre später erfüllen.


2005 war es dann endlich soweit: Nachdem er zehn Jahre lang auf eine eigene Kamera gespart hatte, gründete Nabwana die Produktionsfirma „Ramon Film Productions“ und begann, seine ersten Ultra Low Budget Filme zu schreiben, inszenieren und zu produzieren. Noch ließ der Weltruhm auf sich warten, stellte sich aber weitere fünf Jahre später schlagartig ein. Dabei sollte „Who Killed Captain Alex?“ ursprünglich auch nicht mehr sein, als die zuvor realisierten Werke, nämlich ein Film aus den Slums, für die Slums. Nichtsdestotrotz stellte die Produktion aber ein Prestigeprojekt für Nabwana dar, der nun endlich drum und dran war, Ugandas allerersten Actionfilm zu drehen. Mit einem Budget von umgerechnet knapp 200 US-Dollar, viel Herz- und Kunstblut, sowie einem Arsenal von Sturmgewehren, zusammengebastelt aus Holz und ausrangierten Staubsaugerrohren, fabrizierte er im Teamwork mit der solidarischen Nachbarschaft Wakaligas, 64 satte Minuten voll Nonstop-Action, Kung Fu-Kicks im Sekundentakt und einem Finale, das sich in Sachen Feuerkraft nicht vor „John Wick“ zu verstecken braucht. Das Editing vollzog der Autodidakt auf seinem PC, den er aus verschiedenen Komponenten vom Sperrmüll zusammengebaut hatte.


Den Trailer zu dem Actionkracher stellte Nabwana auf YouTube, von wo aus dieser zur viralen Sensation des Jahres wurde. Überall auf der Welt schmunzelten und rätselten Leute über diese obskuren Filmausschnitte, gefüllt mit pixeligen CGI-Effekten auf Playstation 1 Niveau und kommentiert von einer überbordend enthusiastischen Off-Stimme. Einer von ihnen war Alan Hofmanis in Long Island, der, wie er meint, „Tat, was jeder andere getan hätte“ und sich kurzfristig ein Flugticket nach Uganda kaufte, um dem Geheimnis auf die Spur zu gehen. Hier beginnt ein schicksalhaftes Bündnis und es wird ein Samen gesetzt, der gar köstliche Früchte tragen soll. Hofmanis wird mit offenen Armen empfangen und gleichsam zum ersten „Muzungu“, der sich durch einen Wakaliwood-Film kämpfen darf. Darüber hinaus übernimmt er die Co-Produktion der folgenden Machwerke und leitet den internationalen Vertrieb von Ramon Films, der Wakaliwoods Siegeszug um den Globus einleitet.


2015 wurde „Who Killed Captain Alex“ schließlich in voller Länge, zur freien Verfügung auf YouTube hochgeladen und zählt aktuell knapp fünfeinhalb Millionen Aufrufe. Solche Aschenputtelmärchen schreibt sonst nur das Kino, doch noch ist die Geschichte nicht auserzählt…


Wakaliwood takes the (crazy) world


Es gäbe wohl kaum einen treffenderen Zeitpunkt, um ein Kunstwerk mit dem Titel „Crazy World“ auf die Menschheit loszulassen, als das überaus verrückte Jahr 2020. Im Juni erst feierte die buchstäblich jüngste Actiongranate aus Wakaliwood ihre Premiere am Toronto International Film Festival und schlug dort mit einer Druckwelle ein, die über die ganze Welt ging. Gleichzeitig stellte dieser Anlass auch eine ganz persönliche Premiere dar, namentlich für Isaac Nabwana, der nun erstmalig Uganda verließ und zum allerersten Mal in seinem Leben ein Lichtspielhaus betrat. Ein wahrhaft historischer Augenblick und eine neue Sternstunde für Wakaliwood.


Da lässt sich natürlich auch das SLASH-Filmfestival nicht lange bitten und bindet diesen Gassenhauer in sein aktuelles Programm ein. Bereits 2017 hostete das Festival des fantastischen Films ein dynamisches Double Feature mit „Captain Alex“ und „Bad Black“, dem Alan Hofmanis persönlich beiwohnte. Weil wir aber eben aktuell alle eine „Crazy World“ erleben, ging sich dieses Jahr kein Besuch aus Wakaliwood aus, doch wie wir es mittlerweile von Nabwana nicht anders gewohnt sind, wandte er sich in einer Videobotschaft direkt an das Wiener Publikum und sprach auf diesem Weg eine herzliche Einladung aus: „Please visit us! We’ll kill you… in a movie.“ Ein überaus verlockendes Angebot, das wir uns gerne merken, bis die Welt wieder ein wenig zur Besinnung kommt.


Noch bevor das Spektakel eigentlich beginnt, offenbart sich damit bereits eine der ansprechendsten Grundqualitäten des Kinos von Isaac Nabwana: der unmittelbare, unkomplizierte Fankontakt, fußend auf der Philosophie, dass Wakaliwood ein Gemeinschaftsprojekt ist, an dem alle auf der Welt teilhaben können. In diesem Sinne sind dem Film ganze drei, auf das hiesige Publikum zugeschnittenen Grußbotschaften vorangestellt und auch in der speziellen Sonderfassung des Audiokommentars ertönen immer wieder Shoutouts an Österreich und das SLASH-Filmfestival aus der sich heiser schreienden Kehle von VJ (Video Joker) Emmie.


Denn es gibt natürlich auch ein Wiederhören mit der unsichtbaren Ikone, die zum Grundinventar eines jeden Wakaliwood-Auswurfs gehört und auch diesen Film im unermüdlichen Dauereinsatz, nie um eine buchstäbliche Punchline verlegen, interpretiert, glorifiziert und persifliert. Im Wettstreit mit den Maschinengewehren auf der Leinwand rattert das flotte Mundwerk hinter dem Mikrofon und spuckt unter vielen anderen folgende Spitzen aus:


Call of Duty: Uganda

Van Dammage

Rasta Master. He moves like a tiger, stings like a bitch.

Und selbstverständlich den unverkennbaren Kennspruch: Movie, Movie, Movie!


Revenge for all the children in Africa


So lautet ein weiteres Kommentar unseres Lieblings-VJs und bei all dem Spaß, den er an dem Gemetzel hat, das dazu über die Leinwand flimmert, spricht er damit doch den recht ernsten Hintergrund von „Crazy World“ an. Die Handlung bietet intertextuelle Querweise zu den anderen Erfolgen aus Wakaliwood, aber trägt genau wie ebendiese Vorgänger einen deutlichen realweltlichen Bezug zu Uganda, respektive dem afrikanischen Kontinent.

Die „Tiger Mafia“ ist zurück. Unter der Leitung des kleinwüchsigen Syndikatschefs „Mr. Big“ heißt das Geschäft Kindesentführung. Doch bald geraten Bigs Schergen an die falschen, denn die Knirpse aus Wakaliga schlagen zurück. Die Waka-Starz, eine Truppe Kung-Fu fertiger Kinder, will sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden und plant ein verheerendes Comeback, während im Hintergrund auch andere Rächer mit geballten Fäusten und geladenen Waffen lauern.


Wie schon in „Bad Black“, berührt Nabwana das sensible Sujet Kindesentführung und teilt nunmehr auch Seitenhiebe an polizeiliche Willkür und gefährlichen Aberglauben aus. Wakaliwood-Fans dürfen aber beruhigt sein, denn das Anpacken dieser Themen erfolgt natürlich nicht mit Samthandschuhen, sondern in der gewohnten, liebgewonnen Handschrift des Filmemachers. So treten die verschleppten Kinder, darunter ein Sohn und eine Tochter von Nabwana, ihren Entführern ins Zentralmassiv, während ein wildes Blitzgewitter wütet, in dem es Gewehrkugeln, explosive Pfeile und digitale Blutfontänen hagelt, alles zusammengehalten von einem epileptischen Editing.


Doch bei all der Brauchtumspflege hat sich das Wakaliwood-Kino in der Zwischenzeit auch merkbar weiterentwickelt. Nabwana ruht sich keineswegs auf seinen Lorbeeren aus und erklimmt die nächste Stufe in seinem Schaffen. Die Bildkompositionen zeugen von noch höherer Professionalität, fließen mit noch nahtloserer Dynamik ineinander und erreichen in ihrer Ästhetik spätestens jetzt einen authentischen Actionfilm Standard. Doch auch in den schauspielerischen Leistungen ist ein deutlicher Qualitätsanstieg zu verzeichnen. Der Vergleich wird möglich, da es zur allseitigen Freude ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern gibt. Dauda Bisaso, bekannt aus „Bad Black“ liefert eine regelrechte Breakout-Performance und auch der Charakter des Kung-Fu Supercops „Bruce U“, seines Zeichens „The Ugandan Bruce Lee“, beehrt den Film mit seiner einnehmenden Präsenz.


An dieser Stelle ist vielleicht noch einmal eine kleine Beschwichtigung von Nöten: es droht in keinem Fall eine Kommerzialisierung, Entschärfung oder gar Verwestlichung der „Best of da best movies“. „Crazy World“ schreit Wakaliwood aus voller Seele, durch und durch von dem wohlvertrauten hausgemachten Charme und einzigartig-liebenswerten Wahnsinn geprägt. Wie gewohnt paart auch der neueste Kracher aus Uganda genretypische Konventionen mit dem ureigenen, anarchischen Charakter, der vor zehn Jahren als erfrischende Brise über den Globus fegte. Urplötzlich unterbricht Nabwana seine Handlung mit metahumoristischen Inserts fern aller dogmatischen Filmregeln, weil er es will, weil er es kann und weil wir ihm hungrig danach aus der Hand fressen.


Auch wenn „Crazy World“ den im ganz ursprünglichem Wortsinn einzigartigen Spirit von „Who Killed Captain Alex“ nicht rekonstruieren kann, so ist er doch als eigenständiges Werk ein rasanter Trip mit wohlwollender Message, unschuldigem Pathos und schwarzem Humor, somit ebenso wie seine Vorgänger, ein denkwürdiges Stück des zeitgenössischen afrikanischen Kulturschaffens, das alle Beachtung verdient, die es bekommen kann.


Wenn „Captain Alex“ die Genese dieses einmaligen cinematischen Universums war, so ist „Crazy World“ der nächste Schritt im World-Building und ein weiterer Beleg dafür, dass Kunst keine Grenzen kennt, weder geographische und schon gar keine finanziellen. Oder um diese Neuerscheinung mit den Worten von VJ Emmie in einer ein Satz-Review zusammenzufassen:

World’s best kidz movie!


Wer nun also Lust auf einen Ausflug nach Wakaliwood bekommen hat, sollte sich keineswegs das zweite Screening von „Crazy World“ entgehen lassen, das am 24.09. 2020 um 20 Uhr in der Brunnenpassage stattfindet. Im Anschluss an den Film erfolgt ein Q&A mit Nabwana und Hofmanis, die per Liveschaltung zugegen sein werden und dies alles bei freiem Eintritt! Um eine Voranmeldung, spätestens 24 Stunden vor der Veranstaltung wird unter: anmeldung@brunnenpassage.at jedoch ausdrücklich gebeten!