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RELIC am SLASH Filmfestival

Aktualisiert: Sept 19

Die Filmstock-Kritik von Julian Stockinger

© SLASH Filmfestival


Die Wahl für den Eröffnungsfilm des diesjährigen SLASH Filmfestivals fiel, in gewohnter Manier, auf ein schwer verdauliches Stück Horrorkino. Die japanisch-australische Regisseurin Natalie Erika James hat mit ihrem Langfilmdebüt eine, wie sie sagt, sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz abgeliefert, die in ihrer Umsetzung durchaus als radikal bezeichnet werden kann.


Der schon längst überfällige Besuch bei der vergesslichen Großmutter Edna (Robyn Nevin) verläuft anders, als gedacht. Kay (Emily Mortimer) findet, zusammen mit ihrer Tochter Sam (Bella Heathcode), ein menschenleeres Haus vor. In der Obstschüssel schimmeln die Früchte, die Möbel sind staubbedeckt und in so manchen Räumen stapeln sich die Kisten auf anderem Gerümpel. Die Sorgen von Tochter und Enkeltochter werden durch seltsame, klopfende Geräusche, die aus dem Inneren des Hauses zu kommen scheinen, nicht gerade besänftigt. Auch der junge Jamie (Chris Bunton), ein familienbekannter Nachbar, behauptet, dass er Edna schon länger nicht mehr besuchen darf. Allem Anschein nach, gingen die Dinge bereits vor dem Verschwinden der alten Frau nicht mit rechter Ordnung zu. Eines Morgens taucht Großmutter Edna unerwartet und in verwahrlostem Zustand in ihrer Küche auf. Wo war sie? Wahrscheinlich unterwegs. Sie wisse es nicht.


In den USA, wo der Film nur einen digitalen Release für das Heimkino erleben durfte, regnete es tonnenweise Kritik vom zuhause sitzenden Publikum. Er sei zu dunkel, man erkenne nichts und was soll das! Und tatsächlich: RELIC ist alles andere als hell und nicht zuletzt deswegen ganz eindeutig für das Kino gemacht (und keinesfalls für den Laptop). Doch auch dort tappt man wortwörtlich immer wieder im Dunkeln, erkennt im Hintergrund stehende, bedrohliche Körper nur ansatzweise und erwischt sich immer wieder beim Augenzusammenkneifen und Halsstrecken. All das trägt aber zu der unheimlichen Atmosphäre bei, die diesen Film ausmacht und die, neben dem ebenfalls kompetenten Haunted House-Grusel, vor allem aus der immer schneller voranschreitenden Orientierungslosigkeit von Menschen mit Demenzerkrankungen schöpft, in die man sich während des Films zumindest ansatzweise versucht hineinzuversetzen.


RELIC bietet dem Publikum unheimlich starke Symbolbilder, die die unterschiedlichen Stadien dieser Krankheit geschickt beschreiben. So beginnt der Film zum Beispiel mit einer überlaufenden Badewanne. Ein eindringliches Bild für den Beginn dieses psychischen Horrors, denn der Kopf scheint wie die Wanne voll, Gedanken entgleiten zunehmend mehr, verlieren sich in Strukturlosigkeit. Im Mittelteil sorgt eine bedrohlich laut schleudernde, aber leere Waschmaschine für Gänsehaut. Eine erschütternde Metapher für die vielleicht schmerzhafteste Phase des Krankheitsverlaufes, wo die Person sehr wohl noch versteht, dass sie wortwörtlich den Verstand verliert und darauf mitunter aggressiv, selbst- und fremdverletzend reagiert. Am Ende des Films wohnen wir schließlich einer intensiv inszenierten Transformation zu etwas Neuem und gleichzeitig Sterbendem bei. Noch nie war beinharter Bodyhorror so ernst, so tragisch, aber auch so zärtlich.


Es ist nicht nur ein Film über Demenz, sondern über das Altwerden an sich, mit all seinen Auswirkungen auf das Innen- und Außenleben von Betroffenen. Es geht um Selbstbestimmung im hohen Alter, um die Frage einer Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung und um die Leere und Einsamkeit, die nach dem Versterben des oder der Lebenspartner*in entsteht. So erwähnt die Großmutter einmal, dass das Haus, seitdem ihr Mann verstorben ist, so viel größer wirkt. Was das Publikum zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß, ist, dass es zusammen mit Kay und Sam bald selbst ungesehene Ecken des Hauses entdecken und sich darin verirren und verlieren wird. Denn nicht zuletzt, und das ist einer der zentralen Aussagen dieses Films, können hohes Alter und die damit einhergehenden Schwierigkeiten auch Horror für die Angehörigen bedeuten.


Natalie Erika James hat mit ihrem Langfilmdebüt einen atmosphärisch unheimlich dichten Horrorfilm mit einer immer aktueller werdenden, psychosozialen Schlagseite abgeliefert. Ohne erwähnenswerte Jumpscares und ohne aufdringliche Filmmusik, was dem ausgeklügelten Sounddesign aber keinen Abbruch tut, erzeugt der Film, neben der naturgegebenen Schwere, ganz und gar horrorwürdige Schauermomente. Das letzte Drittel würde in anderen Werken wohl als batshit crazy bezeichnet werden, im Kontext der vorangegangenen Stunde, driftet es aber nie ins Absurde ab, sondern ist immer nachvollziehbar. Das macht RELIC nicht zu einem subtilen, aber nichtsdestotrotz zu einem hochgradig wirkungsvollen Horrorfilm.


Samstag, den 19. September gibt es den Film ein zweites Mal im Rahmen des Festivals zu sehen. Und hoffentlich bald auch regulär im Kino.