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VOM VOLKSHELD ZUM WELTSTAR

BRUCE LEE BEEHRT DAS SLASH FILMFESTIVAL


von Daniel Krunz

© SLASH Filmfestival


Bruce Lee. Wo fängt man bloß an und wo hört man bloß auf, die Person hinter diesem gewichtigen Namen zu charakterisieren? Es erweist sich nicht nur als Herkulesaufgabe, sondern als regelrechte Sisyphusarbeit, das kurze, aber ungleich ereignisreiche und bewegte Leben der überlebensgroßen Ikone nachzuzeichnen, denn sobald man glaubt, alles über diese in Erfahrung gebracht zu haben, rollt eine brandaktuelle Doku wie „Be Water“ (2020) an und beweist, dass es selbst für Hardcore Fans noch immer etwas über ihr Idol zu lernen gibt. Daher wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst damit anfangen, eine hoffnungslos unvollständige Biografie des Kampfkünstlers, Schauspielers, Philosophen, Dichters und Profitänzers zu skizzieren, sondern möchten mit den folgenden Zeilen vielmehr zu einer eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Bruce Lee ermutigen, das auf so vielen verschiedenen Ebenen funktioniert.


„Be Water“ war nur ein Teilstück in einem kleinen Schwerpunkt, den die aktuelle Ausgabe des SLASH-Filmfestivals Bruce Lee widmete, der 2020 achtzig Jahre alt werden würde. Daneben fand auch Christian Fuchs‘ heimische Heim-Doku „Der kleine Drache“ und eine 35mm Kopie von Lees zentralem Werk „Fist of Fury“ (1972) den Weg auf die Leinwand des Metro Kinos.


Ein echter Bruce Lee


Diese Proklamation in der Vermarktung von Bruce Lee Filmen, von der auch „Fist of Fury“ nicht verschont blieb, wurde bald notwendig, nachdem eine Heerschar von Nachahmern, die sich mit dem großen Namen schmückten, das (Heim-) Kino infiltrierte. Am Anfang der verhängnisvollen Entwicklungskette steht „Bruce Lee: A Dragon Story“ (1974), eine halbfiktionale Lee-Biografie, dessen Titelrolle mit dem Newcomer Ho Chung Tao besetzt wird, welchem man den wenig subtilen Pseudonym „Bruce Li“ aufs Auge drückt. Ein Jahr nach seinem Ableben ist die Legendbildung um Bruce Lee bereits voll im Gange und kennt bis heute kein Halten. Bald gesellen sich weitere drahtige Pilzköpfe mit Künstlernamen wie „Bruce Le“, „Bruce Lai“ oder gar „Bruce Thai“ zu ihrem Namensvetter und werden zu den Aushängeschildern eines eigenen Subgenres, das unter dem Kofferwort „Bruceploitation“ zusammengefasst wird. Die Palette der Filmbeiträge reicht dabei von dezenten Referenzen zur realen Person bis hin zu semidokumentarischen Spekulationen, doch in der wohl dreistesten Anbiederung an den Trend, werden die neuen Auswürfe, vor allem in der deutschen Distribution, als verschollen geglaubte Frühwerke des verstorbenen Stars angepriesen, oder in der Synchronisation zu Episoden aus Lees Leben umgedichtet, was wiederum zur Einführung des oben genannten Echtheitssiegels veranlasst.


So kritisch die Bruceploitation-Strömung hinsichtlich ihrer teils ausgesprochen geschmacklosen Auswüchse auch beäugt werden sollte, verweist sie doch in ihrem Kern auf ein ganz einzigartiges Merkmal im Nachleben der popkulturellen Ikone, denn es gibt wohl kaum einen Filmstar, der so viele fiktionale Porträtierungen erfuhr, wie Bruce Lee. Gegenargumente werden gerne angenommen, ihre Validität sei hinsichtlich der absoluten Zahlen jedoch schon im Voraus bezweifelt. Allein das vergangene Jahr 2019 zählt zwei Produktionen, in denen Lee als agierender Charakter erscheint, namentlich die nicht unumstrittene Darstellung in Tarantinos „Once Upon a Time… in Hollywood“ und sein bereits dritter Auftritt im vierten Teil der „Ip-Man“-Reihe.


Der mediale Personenkult fächert einen schier endlosen Sagenkreis auf, der Lee unzählige Heldentaten andichtet und in manchem Fall die Distinktion zwischen Realität und Fantasie erschwert. Es ist eine uralte, universelle Praxis, die damit von Statten geht; die sagenhafte Verklärung einer historischen Figur ist eine in aller Welt gebräuchliche Tradition, die in der chinesischen Kultur bis in unmittelbare Gegenwart fortwährt und betrifft jüngst auch Lees Lehrmeister Ip-Man, dem ein ähnliches posthumes Schicksal wie seinem berühmtesten Schüler widerfährt.


Lee im Land der Berge


Selbst Österreich beteiligt sich seinerzeit an der Ausgestaltung jenes Sagenkreises und führt hierbei auch seinen eigenen Bruce Lee-Doppelgänger ins Feld, wie der eingangs erwähnte Dokumentarfilm „Der kleine Drache“, den das SLASH-Filmfestival als Vorfilm zu „Fist of Fury“ zeigte, lebhaft demonstriert. Dabei hebt sich Christian Fuchs‘ Prestigeprojekt rein inhaltlich nicht sonderlich aus dem Kanon der zahllosen Lee-Dokus hervor und erzählt auf 15 Minuten verknappt, im Wesentlichen die Biografie, die wir uns hier gespart haben.


„Der kleine Drache“ ist aber weit von etwaiger Belanglosigkeit entfernt, sondern spricht aus voller Seele die Begeisterung für das Phänomen Bruce Lee aus, die der Macher mit so vielen Menschen rund um den Erdball teilt, die von Lee auf teils sehr einfache, doch nicht minder profunde Beweise berührt wurden. Besagter Macher heißt Christian Fuchs und ist österreichischen Cineast*innen als Filmjournalist beim Radiosender FM4 wohlbekannt. Fuchs wächst in der steirischen Provinz der 70er Jahre auf und blickt dort aus dem Kleinstadtkino in Richtung große Welt. Mit zehn schenken ihm die Eltern eine Super 8 Kamera, mit der sich der Bursche bewaffnet und nebst selbstinszenierten Zombieangriffen, andere ähnliche Experimente abschießt, die heute sorgsam vom Österreichischen Filmmuseum verwahrt werden.


In dieser Kreativphase entdeckt Christian in der „Bravo“ des älteren Bruders einen Artikel über Bruce Lee. Es ist Liebe auf den ersten Blick; die Geschichte seines spannenden Lebens und frühen Todes gehen dem Buben ans Herz. Er beginnt Fanzines zu sammeln und studiert sein neues Idol penibel. Die Leidenschaft währt jahrelang fort, wohlgemerkt ohne dass Fuchs auch nur einen Schnipsel an Bewegtbildern von Lee gesehen hat.


Im Alter von zwölf ist es aber endlich soweit und Christian wird vom nachgiebigen Vater in „Fist of Fury“, seinen ersten Film mit Jugendverbot geschmuggelt, was ihm, wie er sagt, einen Freibrief für die künftige Konsumation von Zombieschinken und ähnlich schwerer Kost ausstellte. Mittlerweile hatte er auch genug Infos, sowie Wagenladungen an Bildmaterial angesammelt, um seine eigene Geschichte über Bruce Lee erzählen zu können. Aufgestockt mit touristischen Amateuraufnahmen, die Papa Fuchs im Rahmen einer Hongkong-Reise anfertigte, entsteht so die wohl erste alpenländische Liebesbekundung an den „kleinen Drachen“, die je auf Zelluloid gebannt wurde.


Der junge Lee-Biograf richtet seine Kamera auf handverlesene Zeitungsauschnitte und haucht ihnen mit dramatischen Zoom-Ins Leben ein. Die selbstverfasste Narration gibt der Regisseur höchstpersönlich zum Besten, begleitet die Bilder im freundlich sanften Erzählton einer Gute Nacht-Geschichte, anfänglichem Stimmbruch und bemühtem Hochdeutsch, wobei er unterwegs auf liebenswerte Weise über die Aussprache von Namen wie „Ip-Män“ oder „Tschuk Norris“ stolpert.


Um noch etwas mehr Bewegung in die doch Großteils statische Doku zu bringen, beschließt Christian, ihr auch noch selbstgedrehtes Material beizufügen und im elterlichen Garten einige Kampfszenen zu inszenieren. Für dieses Vorhaben rekrutiert er zwei Lehrlinge aus der Bäckerei seiner Eltern, die bereits Schauspielerfahrung vom Mitwirken in Christians Zombiestreifen mitbringen. Einer der Burschen soll Bruce Lee darstellen und schlüpft dafür in ein per Katalog bestelltes Imitat seines ikonischen gelben Trainingsanzugs, der nicht ganz den Vorstellungen entspricht, doch genügen muss, um seinen Träger als Lee zu identifizieren.


Es ist eine wahre Wohltat, dieser unschuldigen Huldigung beizuwohnen, denn wenn ein strohblonder „Steierbua“ im Karohemd rotbackig grinsend von den angedeuteten Hieben improvisierter Nunchakus durchgekitzelt wird, bekommt man auf anschaulichste Weise verdeutlicht, wie der Mythos um Bruce Lee bis in die entlegensten Winkel der Welt wirkt.


Geschichtsrevisionismus Made in Hong Kong


Fiktionale Verklärung bildet auch den Ausganspunkt für „Fist of Fury“, allerdings fungiert die historisch verbürgte Persönlichkeit hier lediglich als virtueller Katalysator für den eigentlichen Helden, eine frei erfundene Figur. Huo Yuanjia, seines Zeichens Gründer eines bis heute operierenden Sportvereins und bereits zu Lebzeiten zum Volksheld stilisierter Kampfkünstler, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Erscheinung trat und unter Anderem von Jet Li in „Fearless“ (2006) verkörpert wurde, stellt den wahren Kern der modernen Sage. Der vorzeitige, nicht vollständig aufgeklärte Tod des Meisters löst seinerzeit wilde Spekulationen aus und spiegelt sich somit auf traurige Weise im sehr ähnlichen Schicksal von Bruce Lee wider.


„Fist of Fury“ folgt solch einer Spekulation und setzt mit der Bestattung von Huo Yuanjia ein. Sein gelehrigster Schüler Chen Zhen (Bruce Lee) steckt noch in tiefer Trauer, da treten Vertreter einer Kampfschule der japanischen Besatzer die Pforten des Sportvereins ein und spotten dem Andenken des Verstorbenen in schändlichster Weise. Mit Chen als Avatar kocht nunmehr die chinesische Volksseele auf. Er wittert einen Zusammenhang mit dem mysteriösen Todesfall und tritt einem blutigen Rachefeldzug gegen die überheblichen Unterdrücker an.


Kunst kennt keine Grenzen


Den plakativen Patriotismus von „Fist of Fury“ muss man, wie öfters bei der Konsumation des chinesischen Kinos mitschlucken, doch den Fokuspunkt des Interesses markiert ohnehin die titelspendende Rage des Helden und ihr konkretes Ziel ist dabei ausgesprochen zweitrangig. Ein repräsentativer Beleg für diese These ist wohl die Tatsache, dass der Film sich selbst in Japan größter Beliebtheit erfreut, trotz der, euphemistisch gesprochen, unvorteilhaften Darstellung seiner Bewohner*innen. Wer sich nur ein wenig mit der Person Lee auseinandergesetzt hat, wird erkennen, dass sich seine persönlichen Ansichten kein stückweit mit dem nationalistischen Tenor decken. Stets betonte der Kosmopolit seine Abneigung gegen Konzepte nationaler Identität und repräsentierte gelebten Pluralismus. „Fist of Fury“ ist ganz nüchtern betrachtet eine weitere Chance, die er im Ausbau seiner Karriere erhält und hätte Lee das Angebot ausgeschlagen, wäre der Welt ein unvollkommener, doch bildgewaltiger Klassiker verloren gegangen. Er tut also sein Möglichstes, um das einfach geschnürte Korsett der wohlverdienten Hauptrolle würdig auszufüllen und der naiven Erzählung etwas Tiefe zu verleihen.


Mit seiner ausgeprägten Fernwirkung, gemeint ist diesmal die raumfüllende Präsenz, die Lee mit seinen theatralischen Gebärden an den Tag legt, präsentiert er nicht nur dem westlichen Publikum einen neuen Heldentypus, sondern schenkt auch dem chinesischen Kino ein prägendes Novum. In deutlicher Abkehr zum tugendhaften Jüngling mit der sprichwörtlich weißen Weste, wird ein psychologisch geerdetes, weitaus nachvollziehbares Rollenbild entworfen. Ein sentimentaler Melancholiker mit allen Ecken und Kanten, ein ebenso feinfühliger wie impulsiver Charakter mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und Pflichtbewusstsein, stetig zwischen Vernunft und Trieb hin- und hergerissen, kurzum, eine tragische Figur von klassischem Ausmaß.


Lee schleift nachhaltig an dem Grundstein der Leinwandpersona, die er ein Jahr zuvor in „The Big Boss“ definierte und die im weiteren Verlauf der Geschichtsschreibung immer mehr mit ihrem Darsteller verschmilzt. Zwar ist ihm mit der Figurenzeichnung Starrsinn als zentrale Eigenschaft eingeschrieben, doch tut Lee in der künstlerischen Interpretation alles, um seine Philosophie situationsbasierter Flexibilität zu transportieren. Seinen Kampfstil passt Chen den jeweiligen Gegebenheiten an, statt sich auf ein unverrückbares Allheilmittel zu versteifen und liest in der Körpersprache seiner Kontrahenten wie in einem offenen Buch.


In der von ihm entwickelten Lehre des Jeet Kune Do inkorporiert Bruce Lee Komponenten unterschiedlichster Selbstverteidigungstraditionen unter dem Credo der Individualität und erhält in „Fist of Fury“ die Möglichkeit, seine Anschauungen zu verbildlichen. Ohne das Multitalent auf diesen Aspekt seines Schaffens zu reduzieren, so bildet doch die zugänglichste Qualität speziell dieses Films, das pure Vergnügen an den ästhetisch betörenden Kampsequenzen, die von der Kamera aus jedem sich anbietenden Winkel begafft werden. Es ist die Kämpfernatur von Bruce Lee, sei es im bildlichen oder übertragenen Sinne, die zu der breiten Masse spricht. Unter Lees choreografischer Leitung und der weitsichtigen Regie von Lo Wei, der Bruce bereits mitten in der Produktion von „The Big Boss“ kurzerhand von einer Neben- zur Hauptrolle umbesetzte und somit dessen Starkult mitbefeuerte, entstehen in der Darstellung der „Einer gegen Alle“ Situationen, klassische Momente des Actionkinos.


Nach dem spontan improvisierten Zuschneiden des Produkts auf seinen Star, wird nun erstmals von Anfang an bewusst die Person Lee als Träger eines abendfüllenden Actiondramas festgelegt und ebenfalls erstmals demonstriert der Leinwandheld eine eng mit ihm assoziierte Superkraft, das virtuose Wirbeln der Nunchakus. Anders als oft geglaubt, bzw. behauptet, ist Bruce der Umgang mit der Waffe nicht bereits durch frühkulturelle Prägung mitgegeben, sondern wird ihm erst in den USA von seinem Freund Dan Inosanto gelehrt. Umso mehr beeindruckt er dann mit der Kontrolle des Werkzeugs, die tatsächlich dazu versucht, ihm jahrzehntelange Praxis zu unterstellen. Die unbelebten Dreschflegel verwandeln sich in seinen Händen zu dressierten Schlangen, die sich gehorsam um des Meisters Rumpf widmen und auf sein Geheiß verheerend zuschnappen.


Die Technik wird Lee in seiner einzigen Regiearbeit „Way oft he Dragon“ noch perfektionieren, beweist hier aber seine natürliche Begabung, ja das profunde Verständnis und den unzähmbaren Perfektionsdrang für das erst kürzlich erlernte Handwerk. Unter den Darstellern der Karatekas, denen Chen auf diesem Weg eine nachhaltige Lektion erteilt, befindet sich übrigens auch ein erst 17-jähriger Stuntman, der damals noch den Künstlernamen Chan Yuen Lung trägt. Er wird sich später „Jackie Chan“ nennen und erzählt bis heute unermüdlich von den Begegnungen mit seinem Idol.


Das energische Durchpeitschen von Lees persönlichen Inputs und Überzeugungen setzt ein Fundament, das im Hongkong-basierten Martial-Arts Film, bei ähnlichen Szenarien, später reflektiertere Ausgestaltung erfährt: Kampfkunstphilosophie als Mittel zur Völkerverständigung, als Berührungspunkt unterschiedlicher Kulturen. „Fist of Fury“ ist von diesen versöhnlichen Tönen, die etwa die zeitgenössischen „Ip-Man“-Filme im Anhang ihrer noch immer deutlich nationalistischen Botschaft mitsenden, noch weit entfernt, doch ist nicht zu verleugnen, dass Lee mit seinem stets praktizierten Inklusionsgedanken und seiner Blindheit gegenüber jedweden Grenzen, diese Entwicklung pionierhaft anführt.


Um aber nicht nur kritisch nach Fernost zu blicken, muss bedauerlicherweise festgehalten werden, dass ein vergleichbarer Fortschritt auch in der westlichen Filmwelt überaus schleppend vorangeht und die tragende Besetzung von People of Color immer noch mehr Kuriosum als Alltagspraxis bedeutet, was damals schon die Hauptmotivation für Lees Rückmigration in seine Heimat darstellte, von welcher er aus erst richtig zu einem Weltruhm aufstieg, den er nicht mehr lange miterleben durfte.


Wir wollen unser kleines Andenken an die Legende aber nicht mit einer bitteren Note beschließen, daher sei hiermit noch diese gewisse Prognose gestellt: Das Interesse an, und die Beschäftigung mit Bruce Lee hat mit dem aktuellen runden Jubiläum noch bestimmt nicht ihr Ende gesehen. Wir antizipieren jedenfalls jetzt schon die neuen Erkenntnisse, die einst der hundertste Geburtstag des hintergründigen Charakters zu Tage fördern wird.