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SUNDAY CLASSICS IM JUNI: "DOWN BY LAW" & "DIE GROSSE ILLUSION"


von Julian Stockinger

© ARTHAUS Besondere Filme


Noch vor einem Jahr, also eher zu Beginn der Coronapandemie, waren immer wieder Stimmen zu vernehmen, die auf die psychologischen Chancen hingewiesen haben, die sich in dieser Zeit und in den daraus resultierenden Einschränkungen versteckt haben. Menschen könnten endlich einen Gang zurückschalten, zu sich finden und die wirklich wichtigen Fragen des Lebens stellen: Wer bin und was will ich? Heute würden freilich nur noch wenige auf den Gedanken kommen, den Lockdown mit einem Antidepressivum für Modernisierungsverwirrte zu verwechseln, aber vielleicht hat man zumindest gelernt, das Beste draus zu machen. Auch die Charaktere in den Filmen DOWN BY LAW und DIE GROSSE ILLUSION lernen auf sehr unterschiedliche Art und Weise von den unfreiwilligen Freiheitseinschränkungen, denen sie unterliegen. Aber noch viel mehr profitieren sie vom Ausbruch daraus.



DOWN BY LAW | Jim Jarmusch, 1986


Tom Waits singt in einem seiner memorabelsten Songs von einer alkoholgetränkten Nacht, von Gewalt und Pech und zukunftsperspektivisch nicht sehr vielversprechenden Beziehungen. Zu „Jockey full of Bourbon“ fährt die Kamera, die wirkt, als würde sie einfach aus einem Autofenster herausgehalten werden, die Straßen von New Orleans entlang. Wir sehen Häuserfassaden, Balkone und ein Stück des Himmels in schwarz/weiß an uns vorbeiziehen. Aber immer wieder auch vereinzelt Menschen. So zum Beispiel eine Gruppe von People of Colour, die von der Polizei kontrolliert wird, deren rassistische Motive nur erahnt werden können. Diese Kamerafahrt ist kein Alleinstellungsmerkmal für Jim Jarmuschs dritten Spielfilm, sondern ganz im Gegenteil: Sie findet sich in fast jedem seiner Werke. Ob wir nun mit dem Wu Tang-Clan und einem Auftragskiller mit Samurai-Affinität durch New York City, oder mit zwei unsterblichen und dadurch unheimlich intellektuellen Vampiren durch Detroit düsen. Es ist ein Leichtes, Jim Jarmuschs Liebe für die Straßen der Großstadt zu erkennen und zu teilen.



„Two-dollar pistol but the gun won't shoot

I'm in the corner on the pouring rain“



Das von Waits prophezeite Unglück trägt sich im ersten Drittel des Films zu. Der Musiker selbst spielt den bindungsgestörten Radio-DJ Zack, der von seiner Freundin in einem lauthals ausgetragenen Streit verlassen wird. Der wenig erfolgreiche aber dennoch eitle Mann, der vor allem großen Wert auf seine glänzende Schuhpracht legt, verbringt die Nacht betrunken auf der Straße. Bis ihm ein Angebot gemacht wird, das er nicht ablehnen kann. Parallel dazu begleiten wir den Zuhälter Jack, gespielt von John Lurie, der sich übrigens, neben den Songs von Tom Waits, für die originale Filmmusik verantwortlich zeichnet. Wir lernen Jack an einem Tisch sitzend kennen. Vor ihm ein Revolver und hinter ihm eine nackte Sexarbeiterin im Bett, die ihm in einem Monolog fehlendes Durchsetzungsvermögen vorhält. Bis auch er Besuch von einem Mann bekommt, dessen Angebot er nicht ablehnen kann.


© ARTHAUS Besondere Filme


So viel sei verraten: Beide Männer werden hinters Licht geführt und landen im Gefängnis. Dieser Abschnitt des Films wird mit einer Kamerafahrt eingeleitet, die der ersten gleicht, nur dass wir statt Häuserfassaden Häftlinge hinter Gittern sehen. Die Tatsache, dass die Insassen zu einem großen Teil schwarz sind und dass wir von unseren Protagonisten wissen, dass nicht nur Menschen hier landen, die sich wirklich etwas zu Schuld kommen lassen haben, spricht Bände. Apropos Protagonisten: Die Figuren, die bis dato schablonenähnlichen Karikaturen glichen, was auch alles ein wenig an Theaterinszenierung erinnerte, beginnen jetzt in ihren markanten (Männer-) Rollen sukzessive aufzuweichen. Als diesbezüglichen Zündstoff fungiert der Italiener Bob, gespielt von Roberto Benigni, der, abgesehen von ein paar aufgeschriebenen Sprichwörtern, kaum Englisch spricht und mit dem sie sich zu dritt die Zelle teilen.



„I scream, you scream, we all scream for ice cream!“



Bob ist ein Messias, der, wie so oft bei Messiassen, nicht gleich als ein solcher erkannt wird. Seine Naivität, sein Humor und seine grenzenlose Gutmütigkeit wirken sich auf sein Umfeld aus und retten dem Team mitunter Kopf und Kragen. Schon bald wird Zeit und Raum im Gefängnis anders gefüllt, als nur mit performativem Schweigen. Auf ein erstes Gespräch, indem Bob nicht ganz unstolz erzählt, wie er einen Mann mit einer Billardkugel getötet hat, folgt ein erstes Kartenspiel und die erste Teamarbeit. Auch wenn letzte nur darin besteht, dass die drei Männer im Kreis gehen und einen Kinderreim vor sich her schreien. Es ist übrigens auch Bob, der den Weg aus dem Gefängnis findet und seine neuen Freunde daran teilhaben lässt.


DOWN BY LAW ist ein langsam erzähltes Märchen, das aber gerade aus der Entschleunigung das größte Potential schöpft. Der für Jim Jarmusch typisch lakonische Humor wird hier noch sehr dezent eingesetzt, dafür aber umso wirksamer. Nicht nur die Szene, in denen die drei Häftlinge mit dem Sager „I scream, you scream, we all scream for ice cream“ das ganze Gefängnis in Aufruhr bringen, ist zum Schreien komisch. Nein, es finden sich den ganzen Film über humoristische Perlen, die nur deswegen so gut funktionieren, weil das Publikum, durch die langsame Erzählweise, so nah an die Figuren heranrücken kann. Und wenn am Ende getrennte Wege eingeschlagen werden, dann wissen wir natürlich nicht, ob Jack & Zack ihre neu erworbenen, sozialen Kompetenzen weiter ausbauen oder doch lieber in gewohnte Fahrwasser zurückkehren werden. Es erscheint aber sehr wahrscheinlich, dass die Erinnerungen an ihren Retter Bob bestehen bleiben und mit einem ehrlichen Schmunzler am Gesicht einhergehen werden.



„Hey little bird, fly away home

Your house is on fire, children are alone“




DIE GROSSE ILLUSION | Jean Renoir, 1937

© ARTHAUS Besondere Filme


Auch wenn DIE GROSSE ILLUSION und DOWN BY LAW in Dialog stehen, der natürlich vom viel später erschienenen Jarmusch-Film konstruiert wurde, ist die Ausgangslage in erstem eine gänzlich andere. Wir befinden uns im Jahr 1914, einem merkwürdigen Jahr der europäischen Geschichte. Die Absurdität des Ersten Weltkriegs, wo mehr oder weniger von einem Tag auf den Anderen Nachbar*innen zur Feindschaft erklärt wurden, wird in Jean Renoirs Film unheimlich gelungen inszeniert. Niemand weiß so recht, wie man jetzt den Umgang miteinander pflegen soll. Salutiert man respektvoll, wie gerade eben noch, oder wird schon geschossen, weil eine Grenze übertreten wurde?


Eines ist jedenfalls schnell klar: In der Kriegsgefangenschaft macht es zwar immer noch einen Unterschied, zu welcher sozialen Schicht man sich zugehörig fühlt, aber eben einen viel Kleineren. Insbesondere wenn es darum geht, einen Tunnel zu graben, um aus der Gefangenschaft zu entkommen, denn dann packen alle mit an. DIE GROSSE ILLUSION ist also nicht nur ein durch und durch pazifistischer Film, indem keine Front glorifiziert und auch keine verteufelt wird, sondern ebenso ein Plädoyer für Menschlichkeit und soziale Gerechtigkeit. Die Aussage des Films, dass alle Menschen miteinander auskommen könnten und müssten, geht in Anbetracht des Erscheinungsjahres mit einer schweren Tragik einher.


Parallelen zu Jarmuschs DOWN BY LAW gibt es nicht nur wegen der Ausbruchsthematik, sondern vor allem ihre Enden bzw. letzten Kapitel vereinen die zwei Filme. Denn in beiden Streifen landen die geflüchteten Männer im Haus einer mehr oder weniger einsamen Frau, die bereit ist, den ehemaligen Insassen zu helfen. In beiden Filmen entflammt eine neue Liebe und damit auch ein neuer Anfang. Beide Filme lassen also positiv in die Zukunft blicken, zumindest im Kontext von Lebenswelten einzelner Individuen.



DOWN BY LAW & DIE GROSSE ILUSSION gibt es im Rahmen der neuen Filmreihe SUNDAY CLASSICS im Top Kino zu sehen.


Termine:

DOWN BY LAW am 6.6. & 13.6. um 15:30 Uhr

DIE GROSSE ILLUSION am 20.6. & 27.6. um 15:30 Uhr